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DAS GEHEIMNIS DES VERLORENEN
KLIMT

KLIMT, MEDIZIN
(1901)

1945 von SS-Truppen in Schloss Immendorf verbrannt

Gustav Klimt, "Jurisprudenz" (1903-1907)
Gustav Klimt, Philosophie" (1899-1907)
Gustav Klimt, "Medizin" (ca. 1900-1907)

"MEDIZIN", EIN SKANDALÖSES GEMÄLDE

Die Schlüsselfigur der Wiener Sezession, Gustav Klimt, gehört zu den berühmtesten Künstlern der Welt. 1892, nachdem der Tod seines Vaters und seines Bruders ein Trauma bei ihm ausgelöst haben, revolutioniert Klimt seine Kunst und produziert eine Serie an Gemälden, die sinnliche und elegante Frauenfiguren als Protagonistinnen haben.Es ist ein Triumph der Göttinnen, mythologischer Figuren und starker Frauen, die von seinen Zeitgenossen häufig als zu realistisch und provokant aufgefasst werden.

1894 erhält Klimt den Auftrag, eine Serie von Allegorien für die Deckendekoration der Aula Magna in der Wiener Universität zu malen. Die Leinwände sollen die Fakultäten der Hochschule repräsentieren, indem sie die rationalen Wissenschaften und ihren positiven Einfluss auf die Gesellschaft glorifizieren. Jurisprudenz, Philosophie und “Medizin” sind die Themen der drei Gemälde Klimts, der sich offen weigerte, eine rationale Vision der Welt darzustellen.

So feiert “Medizin” nicht etwa die revolutionären Meilensteine der Wissenschaft in der “Medizin“, sondern zeigt vielmehr die Menschheit am Rande des Abgrunds, als Opfer einer sozialen, politischen und psychologischen Krise. Es ist ein Fluss aus nackten, rohen und realistischen Körpern, die durch Krankheit geschwächt und machtlos gegen die voranschreitende Zeit sind. Klimt stellt hier die Abfolge der Ereignisse der menschlichen Existenz dar, von der Entstehung bis hin zum Erlöschen des Lebens selbst. Es ist ein radikales und ungewöhnliches Gemälde.

Gustav Klimt, "Jurisprudenz" (1903-1907)
Gustav Klimt, Philosophie" (1899-1907)
Gustav Klimt, "Medizin" (ca. 1900-1907)
Adam Lowe, Direktor Factum Arte
Einladung zur Klimt-Ausstellung, organisiert von der nationalsozialistischen Regierung in Wien
Klimt-Ausstellung, Wien 1943

Ein revolutionäres Kunstwerk, nicht nur aufgrund seines Inhalts, sondern auch wegen der Art und Weise wie Klimt Blattgold verwendet, ein Element, zu dem der Künstler eine besondere Affinität hegt, da sein Vater Goldschmied und Graveur war. Nach 6 Jahren intensiver Arbeit wird das Resultat als beleidigend verurteilt und die Gemälde werden nie in der Wiener Universität aufgehängt. 1901 wird das Kunstwerk für die dargestellte Nacktheit sowie die verzerrte Vision der medizinischen Wissenschaft, von der Klimt ein machtloses Bild zeichnet, abgelehnt und als Pornografie verurteilt. Von diesem Moment an, wird Klimt keine öffentlichen Aufträge mehr annehmen und ausschließlich für eine Vielzahl privater Auftraggeber – größtenteils jüdischer Herkunft – arbeiten.Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der daraus resultierenden Erlassung der Rassengesetze, werden die wichtigsten Auftraggeber Klimts verhaftet und ihrer Kunstsammlungen beraubt. Erst 1943 kommen die Fakultätsbilder wieder ans Licht der Öffentlichkeit, als in Wien eine große Klimt-Ausstellung stattfindet, die den Zweck hat, den Künstler zur Ikone der germanischen Tradition zu machen. Diese Gelegenheit ist das letzte Mal, dass die Fakultätsbilder öffentlich ausgestellt werden. Im März 1943, als Wien zum Ziel von Bombenangriffen der Alliierten wird, werden 13 oder 14 von Klimts Werken in ein kaum bekanntes Schloss im ländlichen Teil Österreichs transportiert, in der Hoffnung, dass sie dort in Sicherheit wären.

Einladung zur Klimt-Ausstellung, organisiert von der nationalsozialistischen Regierung in Wien
Klimt-Ausstellung, Wien 1943
Schloss Immendorf

DER BRAND VON IMMENDORF

7. Mai 1945. In den letzten Stunden des zweiten Weltkriegs beschließt eine sich nach der Kapitulation des Regimes auf dem Rückzug befindende SS-Einheit, die letzte Nacht des Krieges in einem Schloss im Norden Österreichs zu verbringen: Schloss Immendorf. Hier stoßen die Offiziere auf eine große Sammlung berühmter Kunstwerke, die zum Schutz vor den Bombenangriffen im Schloss versteckt wurden, darunter einige Gemälde von Gustav Klimt, insbesondere “Medizin“. In der Nacht beschließen die SS-Offiziere, dass es eine Schande wäre, wenn diese Kunstwerke den Russen in die Hände fielen und entscheiden deshalb, ein Feuer zu legen, welches das gesamte Schloss mitsamt der kostbaren Kunstsammlung in seinem Innern zerstören würde.

Es existieren Theorien, die davon ausgehen, dass Gegenstände aus dem Schloss in Sicherheit gebracht wurden, womöglich sogar die Gemälde. Klimts Meisterwerk könnte demnach von der lokalen Bevölkerung gerettet und versteckt worden sein.Andere gehen davon aus, dass sich das Gemälde in einer privaten Sammlung in Deutschland oder Österreich befindet und dort versteckt wird, aus Angst vor dem Gesetz und dem Imageschaden, der jenem droht, der das Kunstwerk all die Jahre in seinem Besitz hatte. Trotz der Gerüchte, welche die Kunstsammlung von Schloss Immendorf für noch immer im Umlauf halten, hat niemand je wieder Klimts Meisterwerk gesehen.

Schloss Immendorf
Ein Experte von Factum Arte arbeitet an der Schwarz-weiß-Version des Gemäldes
Detail nach dem Airbrush-Einsatz und nachdem Bemalen mit Ölfarben, in einer frühen Phase
Detail nach dem Airbrush-Einsatz und nachdem Bemalen mit Ölfarben, in einer frühen Phase
Auftrages der Gipsschicht, bevor das Schwarz-weiß-Foto aufgedruckt wurde

DIE WIEDERAUFERSTEHUNG AUS DER ASCHE

Siebzig Jahre später hat das internationale Expertenteam von Factum Arte sich darangemacht, “Medizin“, das verschollene Meisterwerk Klimts, zu neuem Leben zu erwecken.
Das Gemälde wurde zerstört, aber ein Schwarzweißfoto aus den Dreißigerjahren und ein Farbdruck eines kleinen Teils des großen Gemäldes sind erhalten geblieben.

Der erste Schritt für die Rekonstruktion bestand darin, das Schwarzweißfoto auf eine viermal drei Meter große, mit Gips präparierte Leinwand zu drucken, um es als Leitfaden für Farbtiefe und –tonalität bei der Rematerialisierung zu verwenden. Um die exakte Farbpalette nachzustellen, die Klimt für sein Werk verwendet hat, wurden die vorbereitenden Skizzen, die er für “Medizin” angefertigt hatte, genau untersucht.

Von der Mitte der Leinwand ausgehend, hat das Team von Factum Arte mithilfe einer Airbrush an einer ersten Version in Schwarzweiß gearbeitet, um sich anschließend mit einer Kombination aus Airbrush und traditioneller Ölmalerei der Reproduktion der Farben zu widmen.

Ein Experte von Factum Arte arbeitet an der Schwarz-weiß-Version des Gemäldes
Detail nach dem Airbrush-Einsatz und nachdem Bemalen mit Ölfarben, in einer frühen Phase
Detail nach dem Airbrush-Einsatz und nachdem Bemalen mit Ölfarben, in einer frühen Phase
Auftrages der Gipsschicht, bevor das Schwarz-weiß-Foto aufgedruckt wurde
Alfred Weidinger, Leiter des Museum der Bildenden Künste, Leipzig
Vergoldung einiger Details im Gemälde
Rematerialisierung von "Medizin" im Atelier von Factum Arte
"Medizin" im Druck im Atelier von Factum Arte

An diesem Punkt wurde die Reproduktion hochauflösend fotografiert und digital mit der einzigen existierenden Schwarzweißfotografie des Originals verglichen. Die hochmodernen Analysetechniken haben es des Experten ermöglicht, die Pinselstriche Klimts mit denen der Reproduktion zu vergleichen und letztere digital an die des Originals anzupassen, um dem echten Stil des Wiener Künstlers so nah wie möglich zu kommen. Anschließend haben sie sich auf die Unterschrift Klimts konzentriert, die in die Reproduktion eingefügt wurde. So konnte die Reproduktion gedruckt werden und war bereit für den nächsten und wohl kompliziertesten Schritt: die Vergoldung.

Bei Klimt ist Gold von fundamentaler Wichtigkeit und um zu verstehen, wie der Künstler das Gold auf seine Werke auftrug, ist das Team von Factum Arte nach Wien gereist. Bei einem Besuch der Wiener Universität, wo “Medizin” eigentlich hängen sollte, wurde klar, warum Klimt bei seinem Gemälde mit so viel Gold gearbeitet hat. Der Saal, in dem das Bild hängen sollte, ist reich an prachtvollen Dekorationen in Gold und um ein harmonisches Spiel zwischen dem Raum und seinen Werken zu schaffen, musste Klimt reichlich Gold verwenden.

Für die Reproduktion von “Medizin” wurde Blattgold mit 22 Karat verwendet. Zum Schluss wurden kleine Details mit Ölmalerei von Hand ausgebessert, bevor das Gemälde mit einer finalen Schicht Lack bestrichen wurde.

Vergoldung einiger Details im Gemälde
Rematerialisierung von "Medizin" im Atelier von Factum Arte
"Medizin" im Druck im Atelier von Factum Arte
Adam Lowe, Direktor Factum Arte
Adam Lowe mit dem Experten Alfred Weidinger

MEDIZIN
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Gustav Klimts “Medizin” (1900-1907)
2017 Gips, Blattgold und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte