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DAS GEHEIMNIS DES VERLORENEN
LEMPICKA

MYRTO, TAMARA DE LEMPICKA
(1929)

In Paris von einem Nazigeneral gestohlen

MYRTO” – TAMARA DE LEMPICKA, DIE FRAU DIE EINE EPOCHE MALTE

Tamara de Lempicka ist eine der ikonischsten und revolutionärsten Künstlerinnen. Nur wenige haben es geschafft, sich wie sie zu einem Symbol der eigenen Epoche zu erheben. Eine Zeit, die sich durch einen starken Wandel in der Welt der Frau auszeichnet und die De Lempicka in ihren Werken auf Leinwand festzuhalten vermochte.

Mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, den Charme ihrer weiblichen Modelle hervorzuheben, gelang es De Lempicka die Figur der Frau zu zelebrieren, die ihren Werken Sinnlichkeit und Vitalität verlieh.Dank ihrer imposanten und geschliffenen Figuren, der Farbsynthese, der linearen Zeichnung und dem metallischen Faltenwurf wird Tamara De Lempicka schnell zum „Star“ der Kunstszene im Paris der Zwanziger Jahre.

Gioia Mori, Tamara de Lempicka Expertin
Tamara de Lempicka, Kizette den Balkon (1927)
Tamara de Lempicka, Portrait von Dr. Boucard (1928)
Tamara de Lempicka, Porträt eines Mannes, Tadeusz Lempicki (1928)

1929 entstanden, vereint “Myrto” die Schlüsselelemente des Stils der Künstlerin: das Hervorheben der Sinnlichkeit und der weiblichen Emanzipation. Zwei Frauen liegen sich in den Armen, unbekleidet nach dem vollzogenen Liebesakt.

Für viele Experten handelt es sich hierbei um ein Selbstporträt von Tamara De Lempicka und ihrer ersten Geliebten, Ira Perrot.Das Werk zeigt das gesamte technische Können der Künstlerin, die die Körper durch ein meisterhaftes Spiel von hell und dunkel in Skulpturen zu verwandeln scheint. Es betört den Betrachter mit der Darstellung der verführerischen Frauenkörper, die gleichzeitig eisig und unnahbar wirken.

1929 wurde das Gemälde erstmals beim Salon d’Automne in Paris ausgestellt und umgehend von Dr. Pierre Boucard, einem polnischen Kunstmagnaten, für seine Privatsammlung gekauft. Das Werk wird bei ihm ausgestellt bleiben bis die Nazis in Paris einmarschieren würden.

Tamara de Lempicka, Kizette den Balkon (1927)
Tamara de Lempicka, Portrait von Dr. Boucard (1928)
Tamara de Lempicka, Porträt eines Mannes, Tadeusz Lempicki (1928)
November 1937: Adolf Hitler und Hermann Göring führen eine Naziprozession zum Bürgerbräukeller in München an

DAS VERSCHWINDEN EINER IKONE

Paris 1940. Die deutschen Truppen besetzen Frankreich und verwandeln seine Hauptstadt in einen Vergnügungspark für die Nazielite. Moulin de Fidel, die Villa, in der Dr. Boucard “Myrto” von Tamara De Lempicka aufbewahrt, wird beschlagnahmt und zur Residenz einiger ranghoher SS-Männer umgewandelt. Von diesem Tag an fehlt von “Myrto” jede Spur.

Über den Verbleib des Werkes gibt es zwei Theorien. Die erste sieht die deutschen Offiziere, die in der Villa wohnten als Akteure. Demnach habe einer von ihnen das ihn betörende Gemälde entwendet. Die zweite Theorie geht davon aus, dass der rechtmäßige Besitzer, Dr. Boucard, “Myrto” auf seine Yacht, die in Südfrankreich vor Anker lag, vor den Händen der Nazis in Sicherheit gebracht habe.

November 1937: Adolf Hitler und Hermann Göring führen eine Naziprozession zum Bürgerbräukeller in München an
Christopher Marinello (Art Recovery International) und Vincent Le Gall, Abteilung Kulturelles Erbe und Archiv, Le Plessis-Robinson
Mai 1945: US Soldaten tragen einige der unschätzbar wertvollen Werke der Kunstsammlung aus einem österreichischen Schloss

Von den beiden Theorien erscheint die erste glaubhafter. Die Yacht des Dr. Boucard war viel zu klein, um in ihrem Innern die gesamte Kunstsammlung zu verstecken. Die Annahme einer Plünderung durch die Nazis bestätigt außerdem De Lempicka selbst, die auf die Rückseite eines in ihrem Archiv konservierten Fotos des Gemäldes schrieb „von den Nazis geklaut“. Obwohl “Myrto” seit über 70 Jahren verschwunden ist, gehen Experten davon aus, dass das Gemälde nicht zerstört wurde und sich heute im Besitz eines ahnungslosen Sammlers befindet oder bei einer Person zu finden ist, die das Werk und seine Geschichte ganz genau kennt und das Geheimnis aus Angst vor einem medialen Nachspiel hütet.

Mai 1945: US Soldaten tragen einige der unschätzbar wertvollen Werke der Kunstsammlung aus einem österreichischen Schloss
Gioia Mori, Tamara de Lempicka Expertin
Factum Arte beginnt die Arbeit an der Rematerialisierung, indem sie auf ein Schwarzweißbild von “Myrto” mit einer Airbrush malen, um so eine erste sanfte Farbschicht zu schaffen
Fortgeschrittenen Phase des Rekreationsprozesses mit Airbrush
Nach dem Airbrush-Einsatz. Jordi beginnt, die Leinwand von Hand zu bemalen.

EINE DIGITALE AUFERSTEHUNG

Für die Rematerialisierung von “Myrto” hatte das Team von Factum Arte nur ein einziges Schwarzweißfoto des Originals zur Verfügung und konnte keine anderen Werke De Lempickas aus derselben Epoche analysieren, da sich die meisten dieser Gemälde in nicht öffentlich zugänglichen Privatsammlungen finden.

Der erste Schritt bestand darin eigenmächtig die Größe des Gemäldes zu bestimmen, von dem keine zuverlässigen Informationen überbracht sind. Danach wurde das einzige verfügbare Schwarzweißfoto des Gemäldes auf eine Leinwand gedruckt.

Anschließend ist es dem Team gelungen, an ein Farbfoto eines sehr ähnlichen Werkes De Lempickas zu kommen. Mit der Farbpalette dieses Werkes war es möglich, die Farben für “Myrto” zu bestimmen.

Factum Arte beginnt die Arbeit an der Rematerialisierung, indem sie auf ein Schwarzweißbild von “Myrto” mit einer Airbrush malen, um so eine erste sanfte Farbschicht zu schaffen
Fortgeschrittenen Phase des Rekreationsprozesses mit Airbrush
Nach dem Airbrush-Einsatz. Jordi beginnt, die Leinwand von Hand zu bemalen.
Kunstexperte Peter Glidewell mit Adam Lowe und Jordi García Pons, Factum Arte
Fortgeschrittene Phase des Malprozesses
Finale Phase des Malprozesses
Verschiedene Versionen des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses

Indem das Schwarzweißbild von “Myrto” und das Farbbild des anderen Werks digital übereinandergelegt wurden, ist es dem Team gelungen, Elemente und Details, wie die Lippen der beiden Frauen, die Gebäude im Hintergrund oder die Taube, die eine der beiden Frauen in der Hand hält, zu rekonstruieren und somit ein realistisches Bild des Originals zu erhalten.

Das so entstandene Bild wurde anschließend auf Leinwand gedruckt, um anschließend vom Team von Factum Arte von Hand gemalt zu werden, um einige Bereiche des Bildes zu verfeinern und der Rematerialisierung zu mehr Realismus zu verhelfen. Abschließend wurde eine Schicht transparenter Lack auf die fertige Version von “Myrto” aufgetragen, um die verschiedenen Elemente zusätzlich zu integrieren.

Fortgeschrittene Phase des Malprozesses
Finale Phase des Malprozesses
Verschiedene Versionen des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses

MYRTO
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Tamara De Lempickas “Myrto” (1929)
2017 Gips und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte