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DAS GEHEIMNIS DES VERLORENEN
MARC

DER TURM DER BLAUEN PFERDE, FRANZ MARC
(1913)

Beschlagnahmt von Hermann Goering, verschollen seit 1945

Titelblatt des Jahrbuchs von Der Blaue Reiter von Wassily Kandinsky
Franz Marc, Weidende Pferde III (1910)

EIN SYMBOLISCHES WERK

Franz Marc, einer der beliebtesten Künstler in Deutschland, ist einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus und einer der Väter der abstrakten Kunst.Gemeinsam mit Vassily Kandinsky und August Macke gehörte er in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zu den Protagonisten der Künstlergruppierung „Der Blaue Reiter“. Diese verstand Kunst als Ausdruck des Inneren und als Bekunden eines nicht mittelbaren Verhältnisses zur Natur.

Die Suche nach einer essenziellen Form, das freie Spiel mit Farbe und das Studieren der unschuldigen und einfachen Lebensweise der Tiere sind die Basis seiner artistischen Poesie. Für Marc muss der Künstler über jeden Bezug zur Natur erhaben sein und die Farbe muss über eine eigene Autonomie und Ausdruckskraft verfügen, weshalb jede Tonalität ihre eigene präzise, symbolische Bedeutung annimmt: Blau ist das Männliche und Spirituelle, Gelb steht für das Weibliche, sanft, fröhlich und sinnlich und schließlich Rot, das Brutale und Schwere, das von den anderen beiden Farben bekämpft und besiegt werden muss.

Titelblatt des Jahrbuchs von Der Blaue Reiter von Wassily Kandinsky
Franz Marc, Weidende Pferde III (1910)
Elena Pontiggia, Professorin für Kunstgeschichte, Accademia di Brera, Mailand
Franz Marc, Pferde auf der Weide (1910)
Franz Marc, Pferd in Landschaft (1910)
Franz Marc, Die großen blauen Pferde (1911)

In seinem Werk “Der Turm der blauen Pferde“, das infolge des Briefwechsels mit der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler entstand, türmen sich vier blaue Pferde zu einem Turm auf, der Mut und Lebenskraft ausdrückt. Das Werk wird durch sich kontrastierende Farben belebt, die aber nicht die Figur vom Hintergrund trennt, sondern viel mehr eine Durchdringung erschafft, dank Marcs meisterhafter Verwendung geschwungener Linien mit denen er sowohl Tiere als auch Landschaft malt. Das Gemälde lässt also Raum für zahlreiche Interpretationen. Die wahrscheinlichste besagt, dass die vier Pferde für die vier Reiter der Apokalypse stünden, als düstere Vorahnung des nahenden Weltkriegs. Der Turm der blauen Pferde“ wird das letzte große Gemälde Marcs sein, das die Tierwelt als Protagonisten hat, bevor dieser in den Krieg eingezogen und im Kampf an der Front sein Leben lassen wird.

Franz Marc, Pferde auf der Weide (1910)
Franz Marc, Pferd in Landschaft (1910)
Franz Marc, Die großen blauen Pferde (1911)
Dorothy Price, Lektorin für Kunstgeschichte, Universität Bristol
Plakat der Ausstellung Entartete Kunst
Poster der Große deutsche Kunstausstellung
Adolf Hitler und Hermann Göring in Italien (1934)

VON DER ENTARTETEN KUNST ZUM VERSCHOLLENEN MEISTERWERK

München, 19. Juli 1937. Im zweiten Stock des Archäologischen Instituts eröffnet die Ausstellung Entartete Kunst. In den Ausstellungssälen hängen Phrasen der Verachtung neben hunderten Kunstwerken, die in ihren Werten oder ihrer Ästhetik gegen die Naziideologien verstoßen. Neben Meisterwerken von Chagall, Klee, Kandinsky, Mondrian und vielen weiteren großen Meistern der Avantgarde, wird auch “Der Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc hier ausgestellt.

Marc, der im ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld starb, wurde von vielen als Kriegsheld gesehen. Aus diesem Grund hagelte es Kritik von Seiten der Kriegsveteranen sodass das Gemälde wenige Tage nach der Eröffnung der wohl absurdesten Kunstausstellung aller Zeiten aus ebendieser entfernt wird.

Der Turm der blauen Pferde“ verschwindet von den Wänden des Archäologischen Instituts und kommt danach nie wieder zurück ans Licht der Öffentlichkeit.

Plakat der Ausstellung Entartete Kunst
Poster der Große deutsche Kunstausstellung
Adolf Hitler und Hermann Göring in Italien (1934)
Katja Blomberg, Intendantin Haus am Waldsee, Berlin
Hitler mit seinen Ministern im Hotel Kaiserhof in Berlin, dem Hauptquartier der Nationalsozialisten. Von links nach rechts: Wilhelm Frick, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Hermann Göring, Alfred Rosenberg, Heinrich Himmler
Adolf Hitler mit Feldmarschall Hermann Göring
Hermann Göring mit einem Elch, den er in Ostpreußen erschossen hat. Einer seiner späteren Titel wird der des Reichjägermeister

Von diesem Tag an haben sich die Theorien über seinen Verbleib vervielfacht. Einige gehen davon aus, dass das Werk, obwohl es Elemente der jüdischen Kabbala enthält, einem engen Vertrauten Hitlers, Hermann Göring besonders gefiel und dieser die Gelegenheit nutzte, das Gemälde im Frühling 1938, gemeinsam mit anderen Meisterwerken der modernen Kunst, zu entwenden.

Es wird davon ausgegangen, dass Göring das Werk aufgrund der darin enthaltenen jüdischen Elemente wie dem zunehmenden Halbmond und den Sternen weder in seinem Büro noch in seiner privaten Residenz ausgestellt hat.Das Gemälde taucht dennoch im Inventar seiner Kunstsammlung auf, auch wenn bis heute jede Spur von ihm fehlt.

Es gibt viele Theorien über den Verbleib des Gemäldes, aber alle Recherchen blieben erfolglos. Während einige davon ausgehen, dass sich “Der Turm der blauen Pferde“ in der Kunstsammlung eines über den Wert des Werks ahnungslosen Erben befindet, nehmen andere an, dass das Gemälde als Kriegsbeute nach Russland oder ein anderes Land der ehemaligen Sowjetunion gekommen und dort geblieben sei. Trotz der Spekulationen über sein mysteriöses Verschwinden, bleibt von dem Kunstwerk nur die Erinnerung, eine Erinnerung, die noch immer im Herzen der Deutschen brennt.

Hitler mit seinen Ministern im Hotel Kaiserhof in Berlin, dem Hauptquartier der Nationalsozialisten. Von links nach rechts: Wilhelm Frick, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Hermann Göring, Alfred Rosenberg, Heinrich Himmler
Adolf Hitler mit Feldmarschall Hermann Göring
Hermann Göring mit einem Elch, den er in Ostpreußen erschossen hat. Einer seiner späteren Titel wird der des Reichjägermeister
Zwei Phasen des Rematerialisierungsprozesses von “Der Turm der blauen Pferde
Zwischenstand des Rematerialisierungsprozesses von “Der Turm der blauen Pferde

DIE RÜCKKEHR DES TURMS DER BLAUEN PFERDE

Für die Rematerialisierung von “Der Turm der blauen Pferde“ hatte das Team von Factum Arte einige vorbereitende Skizzen zur Verfügung, die Marc auf einer Postkarte an die Dichterin Else Lasker-Schüler skizziert hattesowie ein Foto in niedriger Auflösung des Gemäldes.

Der erste Schritt bestand darin, das Foto in niedriger Qualität digital zu vergrößern und auf eine Leinwand in Originalgröße des Werks zu drucken, um diese als Basis für die Rematerialisierung zu verwenden.

Die Künstler von Factum Arte arbeiteten von Hand an mehreren Leinwänden und schafften es so, die Formen des Gemäldes wiederzugeben, während es ihnen jedoch in keiner der Versionen gelang, die Farben des Werks von Marc zu reproduzieren.

Zwei Phasen des Rematerialisierungsprozesses von “Der Turm der blauen Pferde
Zwischenstand des Rematerialisierungsprozesses von “Der Turm der blauen Pferde
Adam Lowe mit dem Künstler und Maler Jordi García Pons, Factum Arte
Die Rematerialisierung von “Der Turm der blauen Pferde“ im Atelier von Factum Arte
Die Rematerialisierung von “Der Turm der blauen Pferde“ im Atelier von Factum Arte

Auf einer Reise nach Deutschland, in der Pinakothek der Moderne in München, konnte das Team die Werke des Künstlers von Nahem betrachten und mit großer Sorgfalt die von Marc verwendete Farbpalette studieren und die Tonalitäten seiner Werke mit den von ihnen angefertigten Versionen vergleichen. Nach der Rückkehr nach Madrid wurde die Version der Künstler von Factum Arte, die der von Marc am nächsten kam, hochauflösend fotografiert und digital nachbearbeitet unter Berücksichtigung der Farbinformationen, die sie in München gesammelt hatten, um sich den Farben des Originals so sehr wie möglich anzunähern.

Das so entstandene Bild wurde ein erstes Mal auf Leinwand gedruckt, um anschließend erneut hochauflösend fotografiert und digital nachbearbeitet zu werden, um sicherzugehen, dass jeder Aspekt des Gemäldes akkurat in der finalen Version übernommen wurde.

Nach diesem erneuten Nachbessern wurde das Gemälde schließlich auf eine mit Gips präparierte Leinwand gedruckt und anschließend mit Wachs und einer dünnen Schicht Lack bestrichen, um den Farben zusätzliche Homogenität zu verleihen und die Rematerialisierung dem Original so ähnlich wie möglich zu machen.

Die Rematerialisierung von “Der Turm der blauen Pferde“ im Atelier von Factum Arte
Die Rematerialisierung von “Der Turm der blauen Pferde“ im Atelier von Factum Arte
Adam Lowe mit der Expertin Katja Blomberg

DER TURM DER BLAUEN PFERDE
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Franz Marcs “Der Turm der blauen Pferde“ (1913)
2017 Gips und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte