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DAS GEHEIMNIS DES VERLORENEN
SUTHERLAND

PORTRÄT SIR WINSTON CHURCHILLS
(1954)

Zerstört in einem Garten

Graham Sutherland, Devastation, City. Twisted Girders (1941)
Graham Sutherland, Bombed Offices (1942)
Graham Sutherland, Slag Ladles (1942)

PORTRÄT EINER FÜHRUNGSPERSÖNLICHKEIT

Graham Sutherland entwickelt vom Beginn seiner Karriere an eine persönliche und prägnante Sprache und macht sich rasch zu einem der wichtigsten Vertreter der englischen Avantgarde.Er widmet sich der Gravierung, illustriert Bücher, entwirft Kostüme und Bühnenbilder für das Theater, um sich schließlich der Malerei zu widmen, für die er einen originellen, neoromantischen und typisch britischen Stil entwickelt. Er beginnt von sich Reden zu machen als er an der Seite anderer Künstler damit beauftrag wird, das Leben der Londoner Bevölkerung im zweiten Weltkrieg abzubilden. Er malt von Bombenangriffen verwüstete Landstriche und macht dadurch die Mehrdeutigkeit seiner Kunst deutlich, welche auf einem schmalen Grat zwischen Lebenskraft und Zerstörung balanciert, zwischen organischen und anorganischen Formen. Häufig für die Komplexität und Modernität seiner Werke kritisiert, ist sein Stil doch unverwechselbar. Die Figuren in seinen Bildern haben alle eine Besonderheit gemeinsam: sie scheinen die Zweidimensionalität der Leinwand zu durchbrechen.

Graham Sutherland, Devastation, City. Twisted Girders (1941)
Graham Sutherland, Bombed Offices (1942)
Graham Sutherland, Slag Ladles (1942)
Celia Sandys, Enkelin von Sir Winston Churchill
Churchill mit dem amerikanischen Botschafter Winant bei einer Begehung Bristols, das bei einem deutschen Bombenanschlag zerstört wurde

Für die Zelebration des 80. Geburtstags Winston Churchills erhält Sutherland von den beiden Kammern des Parlaments den Auftrag ein Porträt des sich am Ende seiner zweiten Amtszeit als britischer Premierminister befindenden Politikers anzufertigen.Trotz seines anfänglichen Zögerns, das vor allem auf Sutherlands mangelnder Erfahrung als Porträtist gründete, konnte er letztlich doch überzeugt werden, den Auftrag anzunehmen.

Churchill mit dem amerikanischen Botschafter Winant bei einer Begehung Bristols, das bei einem deutschen Bombenanschlag zerstört wurde
Adam Lowe, Direktor Factum Arte

EINE FREUNDSCHAFT IN ASCHE

1951 wird Winston Churchill im Alter von 78 Jahren zum zweiten Mal zum britischen Premierminister gewählt. Um Winston Churchill zu porträtieren, begibt sich Sutherland nach Kent, auf das Anwesen der Churchills, wo diese normalerweise befreundete Politiker, Filmstars und Staatsmänner aus aller Welt empfangen. Hier finden die ersten Sitzungen in Pose und in einem entspannten und freundschaftlichen Ambiente statt. In dieser Zeit schreibt Lady Churchill in einem Brief an ihre Tochter: „Mister Sutherland ist fantastisch“.
Sutherland quält sich unterdessen mit der Befürchtung, ein banales und schönfärbendes Bild des Premierministers zu zeichnen. Er entscheidet sich deshalb, zu experimentieren, um die grobe und ungeschönte Seite des Politikers zu zeigen. Dieser Ansatz entpuppt sich jedoch als zermürbend und als die Präsentation des Porträts nur noch etwas mehr als einen Monat entfernt ist, hat er Kopf und Gesicht seines Modells noch nicht einmal skizziert.
Die Lösung der Blockade findet sich in Form von Elisabeth Juda, einer befreundeten Fotografin, die zu den Sitzungen in Pose eingeladen wird. Dank ihrer Fotos gelingt es Sutherland den richtigen Abstand zu gewinnen und objektiv zu arbeiten und so sein Werk zu vollenden.

Lady Churchill ist, zwei Wochen vor dem Geburtstag ihres Mannes, die erste Person, die das Porträt zu Gesicht bekommt. Sie zeigt sich begeistert und überschüttet den Künstler mit Komplimenten. Winston Churchill wird es ihr jedoch nicht gleichtun. Als er das Porträt auf einem Foto sieht, schickt er dem Künstler am folgenden Tag einen Brief.

Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament
Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament
Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament

Am 30. November 1954 wird das Bild in einer feierlichen Zeremonie vor dem Auge der Öffentlichkeit enthüllt. Churchills Weigerung sich in dem Gemälde wiederzuerkennen ist kategorisch und – aus seinem Empfinden keinen Hehl machend – teilt er mit seiner Familie und den Mitgliedern seiner Partei die Annahme, dass das Porträt ein Versuch sei, seine Autorität zu untergraben und ihn alsbald in Rente zu schicken. Von diesem Tag an verschwindet das Gemälde. Nachdem sie es zurück auf ihr Anwesen in Kent gebracht hat, ordnet Lady Churchill ihrer treuen Assistentin Grace Hamblin an, das Porträt zu zerstören. Mitten in der Nacht wird es von dem Anwesen der Churchills an Bord eines Transporters weggebracht um anschließend in einem Garten verbrannt zu werden. Am darauffolgenden Morgen sind von dem Bild, wie auch von der Freundschaft zwischen Sutherland und Churchill, nur noch Asche übrig.

Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament
Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament
Die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Churchills im Parlament
Skizze des Kopfs Sir Winston Churchills, angefertigt von der Malerin María Bisbal
Skizzen, verschiedene gemalte und fotografierte Versionen des Gemäldes im Vergleich
María arbeitet am Kopf des Porträts von Sir Winston Churchills
Weitere Skizzen, verschiedene gemalte und fotografierte Versionen des Gemäldes im Vergleich

DIE AUFERSTEHUNG EINES "ALTEN LÖWEN“

Von dem Porträt sind einige vorbereitende Skizzen und Ölstudien, sowie eine Reihe Fotografien der Modefotografin Elisabeth Juda und des Fotojournalisten Larry Burrows, erhalten geblieben. Dieses Material war der Ausgangspunkt für die Arbeit des Teams von Factum Arte, das sich in Madrid darangemacht hat, dieses einzigartige Porträt zu neuem Leben zu verhelfen.

In der ersten Phase der Rematerialisierung wurde eine Farbfotografie des Gemäldes auf Leinwand gedruckt. Eine auf Porträtmalerei spezialisierte Künstlerin von Factum Arte hat darauf basierend von Hand die ersten Varianten des Gemäldes erstellt. Dabei hat sie sich besonders bemüht, die von Sutherland verwendeten Instrumente zu studieren: Bleistifte, Kohlestifte und Ölfarben in verschiedenen Braun- und Ockertönen.
Trotz der in dieser Phase entstandenen zahlreichen Versionen, wirkten die Brauntöne stets opak und Churchills Erscheinungsbild war schwächer als im Original. Aus diesem Grund ist das Team von Factum Arte nach London gereist, um die National Portrait Gallery zu besuchen. Das englische Museum ist im Besitz einer Ölstudie des Originals. Anhand dieser Leinwand gelang es den Experten von Factum Arte, die Lösung für eines der Probleme zu finden: Sutherland malte die Ölfarben direkt auf die unpräparierte Leinwand, eine Technik, die dem Gemälde eine besondere Leuchtkraft und Glanz verleiht.

Skizze des Kopfs Sir Winston Churchills, angefertigt von der Malerin María Bisbal
Skizzen, verschiedene gemalte und fotografierte Versionen des Gemäldes im Vergleich
María arbeitet am Kopf des Porträts von Sir Winston Churchills
Weitere Skizzen, verschiedene gemalte und fotografierte Versionen des Gemäldes im Vergleich
María Bisbal, Porträtkünstlerin, Factum Arte
Sutherland arbeitet mit einer Airbrush-Technik am Porträt Churchills. Hinter ihm steht seine Frau Kathleen
Skizze des Portraits, angefertigt von der Künstlerin María Bisbal
Eine der ersten Phasen im Rekonstruktionsprozess

Außerdem hat das Team die traditionsreiche Schneiderei Henry Pool & Co. in der Savile Row in London besucht, in der Churchill Stammkunde war.Hier konnten sie Materialproben des Anzugs, den der Politiker auf dem Gemälde trägt, genau unter die Lupe nehmen und Material, Schnitt und Struktur auf Churchills Körper studieren. Außerdem war die Mithilfe des Künstlers und Spezialisten für britische Kunst Tai-Shan Schierenberg von fundamentaler Wichtigkeit. Denn er hat anhand einer alten Fotografie herausgefunden, dass Sutherland mit einer Airbrush-Technik die Konturen der Figuren auf der Leinwand abmilderte.

Sutherland arbeitet mit einer Airbrush-Technik am Porträt Churchills. Hinter ihm steht seine Frau Kathleen
Skizze des Portraits, angefertigt von der Künstlerin María Bisbal
Eine der ersten Phasen im Rekonstruktionsprozess
María Bisbal, Porträtkünstlerin, Factum Arte
Die Malereiphase im Rematerialisierungsprozess beginnt
Eine der ersten Phasen des Rekreationsprozesses
María arbeitet an der Rematerialisierung des Gesichts Sir Winston Churchills, indem sie eine Skizze auf durchsichtigem Papier auf die gezeichnete Version aufträgt

Zurück in Madrid hat Factum Arte eine weitere Version des Gemäldes angefertigt bei dem alle aus den Treffen mit den Experten in London hervorgegangenen neuen Informationen angewendet wurden. Nachdem Factum Arte dann auch noch in den Besitz der Originalfotografie von Larry Burrows durch dessen Sohn Russell Burrows kam, war es schließlich auch möglich, die Farben des Gemäldes mit besonderer Achtsamkeit bei Händen und Gesicht an die des Originals anzupassen.

Die letzte Variante des Porträts, die digitale Restauration und traditionelle Malerei vereint, wurde schließlich hochauflösend fotografiert und auf eine mit Gips präparierte Leinwand gedruckt, die die Oberflächenstruktur, die Beschaffenheit der verwendeten Farben und Dicke der Pinselstriche wiedergibt.

Obwohl das Original zerstört wurde, schafft es diese Rematerialisierung des Porträts von Winston Churchill, das Sutherland angefertigt hatte, die psychologische Tiefe und die Kraft dieses beeindruckenden Gemäldes wiederzubeleben.

Die Malereiphase im Rematerialisierungsprozess beginnt
Eine der ersten Phasen des Rekreationsprozesses
María arbeitet an der Rematerialisierung des Gesichts Sir Winston Churchills, indem sie eine Skizze auf durchsichtigem Papier auf die gezeichnete Version aufträgt
Adam Lowe mit den Experten Sonia Purnell und Martin Hammer

PORTRÄT SIR WINSTON CHURCHILLS
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Graham Sutherlands “Porträt von Sir Winston Churchill“ (1945)
2017 Gips und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte