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DAS GEHEIMNIS DES VERLORENEN
VAN GOGH

FÜNF SONNENBLUMEN, VAN GOGH
(1888)

Zerstört im Zweiten Weltkrieg im Bombenregen über Ashiya

Ukiyo-e, japanischer Kunstdruck auf Papier

VAN GOGH IN DER PROVENCE

Vincent van Gogh gehört zu den berühmtesten Künstlern aller Zeiten. Seine Werke sind auf der ganzen Welt bekannt und sein schwieriges, leiderfülltes Leben ist gut dokumentiert.

Gegen Ende 1880 war van Gogh von Japan und der japanischen Kunstform Ukiyo-e besessen.Es war sein Traum, wie ein japanischer Künstler zu malen, wie ein japanischer Mönch zu leben und in einer typisch japanischen Landschaft zu arbeiten. Er fand „sein“ Japan in der Provence, genauer gesagt in Arles. Nach seiner Ankunft in Südfrankreich, die wie der Rest seines Lebens von seinem gönnerhaftem Bruder Theo finanziert wurde, erlebt van Gogh eine Phase der Vitalität und des Optimismus, der sich auch in seiner künstlerischen Produktivität niederschlägt. Seine Farbpalette wird immer heller und nimmt die Sonne und das Licht des Südens in sich auf, dank einer intensiven Studie seiner Lieblingsfarbe: gelb.

In einem ihrer täglichen Briefwechsel schreibt Vincent seinem Bruder Theo: „Das Licht der Sonne kann ich aus Ermangelung an einem besseren Wort nur als gelb definieren. Blasses gelb, schwefelig, Zitrone, Gold. Wie schön gelb doch ist!“

Ukiyo-e, japanischer Kunstdruck auf Papier
Vincent van Gogh, Fünfzehn Sonnenblumen (1888)
Vincent van Gogh, Zwölf Sonnenblumen (1888)

Im Frühling 1888 arbeitet van Gogh eifrig an seinen „Sonnenblumenbildern“, einer Serie von Gemälden, mit denen er das Zimmer seines Freundes und Künstlerkollegen Paul Gauguin dekoriert, den van Gogh eingeladen hat, um in seinem gelben Haus in Arles eine Künstlergemeinschaft ins Leben zu rufen.

Eines der dabei entstandenen Gemälde ist “Fünf Sonnenblumen“, das sich durch seinen intensiv blauen Hintergrund, der in deutlichem Kontrast zum Gelb der Sonnenblumen steht, von den anderen unterscheidet. Van Gogh arbeitete mit einer Impastotechnik, bei der er die Farben mit rauen und dichten Pinselstrichen auftrug, häufig auch übereinander, wodurch die frische Oberfläche aufgebrochen wurde.Zum Auftragen der Farbe nutzte er häufig auch den Griff des Pinsels. Die „Sonnenblumenbilder“ zeichnen sich durch einen fast bildhauerischen Ansatz aus, in dem durch die dick aufgetragene Farbe ein Spiel aus Licht und Schatten entsteht, nicht nur durch die Tonalität der Ölfarben, sondern auch durch die Dreidimensionalität der Pinselstriche. Der so kreierte Effekt ist von einer noch nie da gewesenen Ausdruckskraft. Seine fast manische Art Kunst zu betreiben ist der Schlüssel zu seinen Werken, in denen sich noch heute die außergewöhnliche Intensität wiederspiegelt, mit der er die Welt sah.

Vincent van Gogh, Fünfzehn Sonnenblumen (1888)
Vincent van Gogh, Zwölf Sonnenblumen (1888)
Julian Bell, Künstler
Paul Gauguin, Selbstporträt mit Porträt Émile Bernards, Les miserables (1888)
Paul Gauguin, Porträt Vincent van Goghs, Sonnenblumen malend (1888)

Bei seiner Ankunft ist Gauguin überrascht von der Serie. Für einen kurzen Zeitraum arbeiten die beiden Seite an Seite, malen dieselben Objekte und beeinflussen die gegenseitige Arbeit. Doch die Idylle währt nicht lang und das Verhältnis der beiden Künstler verschlechtert sich aufgrund des schwierigen und paranoiden Charakters van Goghs. Die Nachricht, dass sein Bruder Theo in Kürze heiraten wird und der nagende Verdacht, dass Gauguin abreisen wolle, lösen starke Gefühle der Einsamkeit in van Gogh aus, die schließlich dazu führen, dass er sich in einem Moment der Verzweiflung ein Ohrläppchen abschneidet und Gauguin sich von ihm distanziert.

Heute sind mit Ausnahme von zwei Werken alle der „Sonnenblumenbilder“ in den wichtigsten Museen der Welt ausgestellt.Das eine befindet sich im Besitz eines zurückgezogenen amerikanischen Kunstsammlers, während das andere, das nach Japan verkauft wurde, bei einem Bombenangriff im zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Paul Gauguin, Selbstporträt mit Porträt Émile Bernards, Les miserables (1888)
Paul Gauguin, Porträt Vincent van Goghs, Sonnenblumen malend (1888)
Alte Drucke und Fotografien aus dem Besitz der Erben von Koyata Yamamoto
Koyata Yamamoto mit dem Schriftsteller Saneatsu Mushanokōji

EIN BOMBARDIERTES MEISTERWERK

Japan 1945. In den schrecklichen letzten Tagen des zweiten Weltkriegs, während die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen werden, werden auch über anderen japanischen Städten Luftangriffe geflogen, die Tod und Zerstörung zurücklassen.

Allein über Ashiya Nishomiya, dem Wohnort von Koyata Yamamoto, Besitzer des Gemäldes “Fünf Sonnenblumen“ von van Gogh, werden über 2000 Bomben abgeworfen. Obwohl Yamamoto sich bemüht hatte, das Gemälde bei einer Bank in Sicherheit zu bringen, markieren diese letzten Tage das endgültige Ende von “Fünf Sonnenblumen“ von van Gogh.

In einem Meer aus Asche, in das die Stadt Ashiya verwandelt wurde, erlischt so das zweite Werk der Serie, die van Gogh in seinen glücklichen Tagen in Arles gemalt hatte.

Alte Drucke und Fotografien aus dem Besitz der Erben von Koyata Yamamoto
Koyata Yamamoto mit dem Schriftsteller Saneatsu Mushanokōji
Takashi Mizuno, Überlebender der Bombenangriffe auf Ashiya
Detail des digitalen Rematerialisierungsprozesses der Oberfläche in 3D, kuratiert von Factum Arte
Detail des digitalen Rematerialisierungsprozesses der Oberfläche in 3D, kuratiert von Factum Arte
Digitale Rekreation der 3 D-Oberfläche, kuratiert von Factum Arte

DIE SONNENBLUMEN BLÜHEN WIEDER AUF

Der Prozess der Rematerialisierung hat mit einer akribischen Auswahlverfahren seinen Anfang genommen, das es einem Spezialisten für digitalen Modellbau ermöglicht hat, einige der Alleinstellungsmerkmale des Originals zu reproduzieren.

In einem ersten Schritt wurde auf ein gedrucktes Bild in der Größe des Originals mit einem Impasto aus Wachs und weißer Acrylfarbe gemalt, um von Hand die generelle Form und die Position der Pinselstriche von van Gogh nachzustellen.

Anschließend wurde diese weiße Version des Gemäldes mit einem speziell für Factum Arte gefertigten Lucida 3D Scanner gescannt, der in der Lage ist Oberflächen bis auf 100 Mikrometer genau zu erfassen. Ebendiese Technik wurde später erneut angewendet, um eines der anderen Sonnenblumenbilder, das in der National Gallery in London ausgestellt ist, aufzuzeichnen.

Die daraus gewonnenen Daten wurden anschließend in eine Software für 3D Modellierung übertragen und auf das 3D Modell der weißen Acrylfarbe-Version, die als Basis für die Reproduktion diente, angewendet.

Detail des digitalen Rematerialisierungsprozesses der Oberfläche in 3D, kuratiert von Factum Arte
Detail des digitalen Rematerialisierungsprozesses der Oberfläche in 3D, kuratiert von Factum Arte
Digitale Rekreation der 3 D-Oberfläche, kuratiert von Factum Arte
Irene Gaume, Abteilung für 3D-Modellierung und Direktor Adam Lowe, Factum Arte
Ein Zwischenstand des Gemäldes im Verlauf des Rematerialisierungsprozesses.
Einer der Experten von Factum Arte macht Proben
Einer der Experten von Factum Arte macht Proben

Die Experten konnten so die echten Pinselstriche van Goghs, die sich für die Reproduktion eigneten, aus dem Gemälde der National Gallery extrahieren und nachdem sie minimal bearbeitet und angepasst wurden, in das weiße Acrylfarbe-Modell einsetzen.

Um die Farben des Gemäldes zu rekonstruieren, hat das Team ein Panoramafoto der in London ausgestellten „Sonnenblumen“ aufgenommen. Durch dieses Verfahren erhielten sie die Farben in hoher Auflösung und mehreren Bildern, die anschließend mit einer speziellen Software namens PTGui zusammengefügt wurden.

Gleichzeitig wurde die Farbpalette van Goghs intensiv studiert, um das Problem der unterschiedlichen Tonalitäten der beiden Gemälde zu lösen. Dazu wurden hochauflösenden Fotografien der anderen „Sonnenblumenbilder“ analysiert und verschiedene Farbproben diverser Werke von van Gogh aus Museen in der ganzen Welt verglichen. So wurde schließlich unter Berücksichtigung des Farbfotos des zerstörten Gemäldes die Farbpalette für die Rematerialisierung erstellt.

Ein Zwischenstand des Gemäldes im Verlauf des Rematerialisierungsprozesses.
Einer der Experten von Factum Arte macht Proben
Einer der Experten von Factum Arte macht Proben
Jordi García Pons, Künstler und Maler Factum Arte
Ein Zwischenstand des Gemäldes im Verlauf des Rematerialisierungsprozesses.
Verschiedene Varianten des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses.
Eine der halb-finalen Versionen des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses.

Mit allen Daten zur Verfügung konnte die minutiöse Rekonstruktionsarbeit beginnen. Bei genauer Betrachtung der hochauflösenden Bilder des Gemäldes aus London, wurden einige Pinselstriche gefunden, die auf das Bild in niedriger Auflösung passen könnten, das Factum Arte als Ausgangspunkt verwendet hat. Diese Pinselstriche wurden isoliert

zurechtgeschnitten, mit Farbe aus der vorab definierten Farbpalette koloriert und mit leichten Abänderungen und Anpassungen in “Fünf Sonnenblumen“ eingesetzt.

Zum Schluss wurde ein Silikonabdruck des 3D Modells mit einem OCE-3D-Drucker erstellt. Dieser Abdruck wurde anschließend in Gips gegossen, um sich perfekt auf eine Leinwand auftragen zu lassen, die anschießend mit einem speziellen Drucker von Factum Arte mit den exakten Farben des Originals bedruckt wurde. Abschließend wurde das Gemälde in einigen Bereichen von Hand finalisiert und schließlich mit einem opaken und in einer anderen Variante einem glänzenderen Lack bestrichen.

Ein Zwischenstand des Gemäldes im Verlauf des Rematerialisierungsprozesses.
Verschiedene Varianten des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses.
Eine der halb-finalen Versionen des Gemäldes während des Rematerialisierungsprozesses.

FÜNF SONNENBLUMEN
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Vincent van Goghs “Fünf Sonnenblumen“ (1888)
2017 Gips, und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte