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DER GESTOHLENE VERMEER

VERMEER, DAS KONZERT
(1663-66)

1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston gestohlen

Jan Vermeer, Ansicht von Delft (1660 ca.)

DAS KONZERT” – JAN VERMEERS RÄTSEL AUF LEINWAND

Jan Vermeer ist einer der beliebtesten Künstler aller Zeiten. Einige seiner ikonischen Arbeiten sind weltberühmt, obwohl der Großteil seines Lebens bis zum heutigen Tag ein Rätsel geblieben ist.

Insgesamt sind nur weniger als 40 Werke erhalten, die ihm mit Sicherheit zugeschrieben werden können. In all seinen Bildern findet sich Vermeers virtuoser Umgang mit Licht und Raum, sowie das Spiel mit der Beschaffenheit verschiedener Materialien. Seine an symbolischen und suggestiven Details reichen Kompositionen haben es schon immer schwergemacht, eine klare und eindeutige Interpretation seiner Werke zu finden.

Jan Vermeer, Ansicht von Delft (1660 ca.)
Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)
Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)
Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)

Hierfür ist “Das Konzert” ein vorzügliches Beispiel. Entstanden ist es wahrscheinlich zwischen 1663 und 1666 und greift die Komposition vorheriger Arbeiten auf, verleiht ihr aber noch mehr Komplexität. Man kann deutlich einen Lichtstrahl wahrnehmen, der von außen hereinbricht und die Szene mit den drei Protagonisten im Zentrum des Gemäldes erleuchtet: Ein Adliger sitzt mit dem Rücken zum Betrachter, umgeben von zwei Damen, eine sitzt zu seiner Linken am Clavicembalo, die andere steht zu seiner Rechten und singt. Am linken Rand des Gemäldes steht ein Tisch, bedeckt mit einem türkischen Teppich und Musikbücher, Instrumente liegen neben dem Tisch auf dem mit schwarzen und weißen Quadraten gefliesten Boden. An der Wand hinter den drei Protagonisten hängen zwei Bilder, von denen eines „Die Kupplerin“ von Dirck von Barburen ist, das Vermeer selbst einst erwarb.

Nachdem das Gemälde mehrfach den Besitzer gewechselt hatte und vor allem nachdem die Werke Vermeers in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich an Beliebtheit zurückgewannen, kaufte die amerikanische Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner 1892 “Das Konzert” als zentrales Meisterwerk dessen, was eines Tages das Isabelle Stuart Gardner Museum in Boston werden würde.

Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)
Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)
Jan Vermeer, “Das Konzert”, Detail (1663-66)
Einer der Wachmänner, den die Diebe gefesselt haben

DAS VERSCHWINDEN DES MEISTGESUCHTEN GEMÄLDES DER WELT

18. März 1990. Es ist kurz nach Mitternacht, in Boston sind die Feierlichkeiten zum St. Patrick’s Day noch in vollem Gange und erschöpfte Polizisten machen Überstunden. Zwei Männer steigen aus einem Auto, klingeln beim Isabella Stuart Gardner Museum und sagen an der Gegensprechanlage, dass sie gerufen wurden, um einer Beschwerde nachzugehen. Der raffinierte Plan der Kriminellen macht sich die Unerfahrenheit der beiden Wachmänner zu Nutze, die sich nicht daran erinnern, dass sie absolut niemandem – auch keinen vermeintlichen Polizisten – Zutritt zum Museum gewähren dürfen und außerdem nicht imstande sind Widerstand zu leisten. Sobald die Männer im Inneren des Museums sind, legen sie den beiden Nachtwächtern Handschellen an. Als einer der beiden fragt: „Warum verhaften Sie mich?“ bekommt er eine einfache Antwort: „Weil das ein Überfall ist.“

In 81 Minuten schaffen es die Diebe 13 Gemälde im Wert von einer halben Milliarde Dollar zu entwenden. Darunter befindet sich auch “Das Konzert”, das von diesem Moment an zu einem der meistgesuchten Gemälde der Welt wird.

Einer der Wachmänner, den die Diebe gefesselt haben
Christopher A. Marinello, CEO & Gründer Art Recovery International
Der von der Polizei verhaftete Gangster Carmelo Merlino
Ein Polizeifoto und ein Phantombild von David Turner
David Turners Pate, Robert Guarente, während der Befragung

Bis zum heutigen Tag sind die meisten Spuren, die das FBI über Jahre hinweg verfolgt hat, im Sand verlaufen oder als unbegründet herausgestellt, darunter auch jene, die von Verwicklungen des internationalen organisierten Verbrechens ausgingen. Die einzige Spur, die weiterhin als wahrscheinlich gilt ist jene, die zur lokalen Kriminalität führt, insbesondere zu den Gangstern Carmelo Merlino und David

Turner, einem gewalttätigen Verbrecher, der von vielen als der eigentliche Kopf hinter dem Raub gehalten wird.

Die beiden streiten ab, mit dem Verschwinden des Vermeers zu tun zu haben und so bleibt das Rätsel weiterhin ungelöst. Die wahrscheinlichste Theorie besagt, dass Turner die Gemälde bei seinem Paten, Robert Guarente, untergebracht habe, der, als er selbst krank wurde, sie seinem guten Freund Robert Gentile übergeben haben soll. Dieser streitet ab, in irgendeiner Weise mit dem Raub zu tun gehabt zu haben, aber ein Lügendetektortest ergibt, dass seine Aussagen falsch seien. Dadurch schaffen es die Agenten, einen Durchsuchungsbefehl für das Anwesen Gentiles zu bekommen. Leider finden sie dabei aber keines der verschwundenen Kunstwerke.Obwohl die Beamten Straffreiheit garantieren, für jeden, der die Werke zurückbringt, sind die Bilderrahmen der Kunstwerke im Isabella Stewart Gardner Museum weiterhin leer.

Der von der Polizei verhaftete Gangster Carmelo Merlino
Ein Polizeifoto und ein Phantombild von David Turner
David Turners Pate, Robert Guarente, während der Befragung
Stephen Kurkjian, Journalist, Pulitzer-Prize-Gewinner
Die Künstler von Factum Arte diskutieren über die Rematerialisierung von “Das Konzert
Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes

DAS KONZERT” REMATERIALISIER

Vor dem Museumsraub 1990, war das Gemälde ein gut dokumentiertes Kunstwerk und es gab bereits eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien zu Vermeer, seine Methoden und seine Zeit. Für die Rematerialisierung hat das Team von Factum Arte Informationen aus diversen Quellen gesammelt, um das verschollene Meisterwerk Vermeers mittels traditioneller Techniken und hochmoderner Technik zu reproduzieren.

Als Leitfaden für die Reproduktion von “Das Konzert” haben die Künstler von Factum Arte die Fotografie mit der höchsten Auflösung des Gemäldes verwendet, die sie finden konnten. Das Foto wurde auf Originalgröße des Gemäldes vergrößert und auf eine mit Gips präparierte Leinwand gedruckt. Man geht davon aus, dass die untersten Schichten der Gemälde Vermeers in Grisaille – also ausschließlich in Grautönen – gemalt wurden, auf die erst später Farben aufgetragen wurden.

Die Künstler von Factum Arte diskutieren über die Rematerialisierung von “Das Konzert
Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes
Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes
Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes

Die Leinwand als Vorlage mit Grau- und Sepiatönen zu bedrucken, um die Technik des Künstlers zu respektieren und sich ihr so sehr wie möglich anzunähern und “Das Konzert” zu rekreieren, war als erster Schritt fundamental.

Drei Künstler haben je eine eigene Variante des Gemäldes erstellt. Diese drei Leinwände werden später digital zu einem einzigen Werk zusammengefügt. Die manuelle Arbeit der drei Künstler ist ein grundlegend wichtiger Schritt, um dem finalen Ergebnis die Haptik und Stimmung des Originals zu verleihen.

Die Experten gehen davon aus, dass Vermeer sein Wissen über Optik für die Kreation seiner einzigartigen Werke nutzte.Es wird angenommen, dass der Künstler eine Camera Obscura verwendete, also eine Lochkamera, die ein Abbild der Außenwelt kopfstehend auf eine der Wände in ihrem Inneren abbildet.

Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes
Eine der drei Künstler von Factum Arte arbeitet an ihrer eigenen Rekreation des Gemäldes
Jordi García Pons, Künstler und Maler Factum Arte
Der Abdruck des Gemäldes wird in Gips gegossen
Der Gipsdruck des Gemäldes wird auf einer Leinwand angebracht, um der Oberfläche Struktur für den Farbdruck zu geben

In Madrid hat Factum Arte dazu eine Camera Obscura gebaut, um diese Technik und ihren Einfluss auf die Werke Vermeers besser zu verstehen.

Außerdem wurden Nachforschungen angestellt, um die, für die Werke des niederländischen Künstlers typische, begrenzte Farbpalette so getreu wie möglich nachzustellen. Dafür wurden Pigmente analysiert und Materialien untersucht, die sein Studio kaufte. Für die Rekreation von “Das Konzert” hat Factum Arte nur extrem hochwertige Pigmente verwendet, darunter das sehr seltene und besonders kostbare Lapis Lazuli.

Jeder Künstler, der an der Rematerialisierung des Gemäldes beteiligt war, hat einen bedeutenden Teil zum Endergebnis beigetragen, und sie alle sind sich einig, dass die wichtigste Qualität in Vermeers Werken seine Fähigkeit ist, das Licht in seinen Kompositionen darzustellen.Indem sie sich darauf konzentriert und versucht haben, die Beleuchtung der Szene so getreu wie möglich nachzustellen, sind sie dem Original sehr nahegekommen.

Anhand der Fotografien des Originals, durch Abgleich mit einem anderen Gemälde Vermeers aus der Royal Collection und mithilfe des Experten Jonathan Jason konnte Factum Arte weitere Informationen in 3D und über die Farben sammeln.

Der Abdruck des Gemäldes wird in Gips gegossen
Der Gipsdruck des Gemäldes wird auf einer Leinwand angebracht, um der Oberfläche Struktur für den Farbdruck zu geben
Das Digitallabor von Factum Arte kontrolliert ein letztes Mal, bevor es in den finalen Druck geht
Druck der Rematerialisierung von Factum Arte von “Das Konzert

Um ein so detailliertes Ergebnis wie möglich zu erhalten, wurden die drei Versionen des Gemäldes digital zusammengefügt. Dafür wurde jede Version hochauflösend fotografiert, um anschließend mit digitalen Bearbeitungsprogrammen zur finalen Version aus den jeweils am besten gelungenen Teilen zusammengefügt. Für die besonders schwierigen Bereiche wie die Hände und Gesichter wurden die Daten der Fotografie des Originals verwendet.

Die 3D Daten, die von dem Gemälde der Royal Collection gesammelt wurden, wurden ausgewertet und für die Oberflächenstruktur angewendet. Anschließend wurde ein negativ 3D Modell in Silikon gedruckt, mit dem ein Gipsabdruck als positiv gemacht wurde. Dieser wurde auf einer Leinwand angebracht, um die dreidimensionale Oberfläche des Gemäldes nachzustellen. Zum Schluss wurde das fertige, digitale Gemälde mit einem hochmodernen Drucker, der die Farben exakt wiedergibt, auf die strukturierte Leinwand gedruckt.

Das Digitallabor von Factum Arte kontrolliert ein letztes Mal, bevor es in den finalen Druck geht
Druck der Rematerialisierung von Factum Arte von “Das Konzert
Adam Lowe mit Jonathan Janson und Experte Kees Kaldenbach

DAS KONZERT
REMATERIALISIERT

Digitale Rekonstruktion von Jan Vermeers “Das Konzert” (1663-1666)
2017 Gips und Pigment auf Leinwand
Rematerialisierung von Factum Arte